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Interview

Ragnhild Struss: Wechseljahre als Wendepunkt - Wie Frauen ihre innere Kraft neu entdecken

Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im Februar 2025

Artikelbild Ragnhild Struss: Wechseljahre als Wendepunkt - Wie Frauen ihre innere Kraft neu entdecken

Ragnhild Struss ist Diplom-Kauffrau, Master of Organizational Psychology und hat zahlreiche Zusatzqualifikationen erworben, darunter als Gallup-Certified Strengths Coach und NLP-Master. Sie hat Struss & Claussen gegründet und unterstützt seit mehr als 20 Jahren Frauen und Männer bei der Berufswahl. In unserem Interview spricht sie über die Wechseljahre als Chance für Veränderung und Selbstentfaltung.

Wie verändern Frauen in den Wechseljahren ihren Lebensweg – sowohl persönlich als auch beruflich? Welche Erfahrungen oder Muster sind dir dabei besonders aufgefallen?

Ich begleite immer wieder Klientinnen, die sich genau in dieser Schwellenphase ihres Lebens befinden – einer Wendezeit, die sich in vielerlei Hinsicht mit der Pubertät vergleichen lässt. Denn auch hier finden tiefgreifende körperliche und hormonelle Veränderungen statt. Das Bindungshormon nimmt ab, Östrogen und Progesteron sinken – und das hat spürbare Auswirkungen, auch auf das Gehirn. Ich finde das unglaublich faszinierend.

Natürlich bin ich weder Neurowissenschaftlerin noch Medizinerin, aber es ist offensichtlich, dass diese hormonellen Veränderungen weit mehr beeinflussen als nur die Stimmung – was ja oft betont wird. Sie wirken sich auch auf den Antrieb, die emotionale Regulation und sogar auf das Selbstverständnis aus. Frauen nehmen sich in dieser Phase oft nicht mehr so stark zurück, weil das Bindungshormon nicht mehr in derselben Weise wirkt.

Und das verändert die innere Fragestellung: Statt sich unbewusst an äußeren Erwartungen auszurichten – Was wird von mir verlangt? Wie muss ich mich anpassen? – wächst der Raum für eine ganz andere Frage: Was will ich eigentlich selbst? Es ist eine Zeit des Hinterfragens und Neubestimmens.

Psychologisch gesehen ist das eine unglaublich spannende Phase. Die Energie, die vorher oft ins Anpassen floss, richtet sich jetzt nach innen: Wie möchte ich mich ausdrücken? Was in mir will nach außen? Statt nur Impulse von außen zu verarbeiten und darauf zu reagieren, entsteht mehr Raum für Selbstbestimmung.

Oft fällt diese Lebensphase auch mit anderen Veränderungen zusammen – Kinder werden erwachsen und ziehen aus, berufliche Strukturen verändern sich, soziale Gefüge verschieben sich. Und plötzlich entsteht eine höhere Sensibilität für leise Unzufriedenheiten, die vorher vielleicht übergangen wurden. Frauen erlauben sich, genauer hinzuspüren.

In der Psychologie spricht man hier von einem neuen Moment der Individuation. Denn diese Phase macht nicht nur bewusst, dass das Leben endlich ist – sie konfrontiert uns auch mit der Frage: Wie will ich meine Zeit gestalten?

Ragnhild Struss

Es ist kein Ende, sondern ein Übergang. Ein Moment der Reflexion, in dem viele Frauen für sich neu definieren, wo sie stehen – und wo sie eigentlich hinwollen.
In dieser Phase beginnt oft eine tiefere biografische Reflexion. Die Frage nach der eigenen Selbstwerdung – Wie authentisch lebe ich eigentlich? – rückt stärker in den Vordergrund. Es ist eine Sehnsucht, zu sich selbst zurückzukommen.

Viele Frauen, die wir in der Beratung begleiten, hatten ein Leben lang ein starkes Leistungsmotiv oder ein tief verankertes Bedürfnis nach Anpassung – das Lieb- und Gefälligsein als inneres Leitbild. Sie waren stark nach außen orientiert, darauf bedacht, Erwartungen zu erfüllen, keine Unruhe zu stiften. Und dann kommt dieser Moment: Midlife Review – nicht Krise, sondern bewusste Rückschau.

Mit dieser Reflexion kommt oft eine neue Kraft – eine rebellische, abgrenzende Energie. Ein inneres Aufräumen beginnt: Welche Muster möchte ich durchbrechen? Welche Glaubenssätze loslassen? Viele Frauen stellen fest: Ich bin so lange der inneren Stimme gefolgt, die mir sagte: Sei angepasst. Mach keine Umstände. Sei die Lustige, die Verlässliche, die Starke. Doch was, wenn diese Stimme nicht mehr passt?

Es geht darum, all die Anteile des eigenen Lebens wieder einzusammeln, die über die Jahre auf der Strecke geblieben sind. Und das ist eine unglaublich aufregende Sache.

Denn oft sind Lebenswege nicht bewusst gewählt, sondern entstehen aus Umständen: Ein Beruf, weil es sich ergab – das erste Praktikum, die erste Festanstellung, das erste gute Gehalt. Und plötzlich vergehen zwanzig Jahre. Dann kommen Kinder, Verpflichtungen, Routinen. Und auf einmal meldet sich diese innere Stimme: War’s das? Oder will ich noch etwas anderes?

Dieser Ruf nach neuer Freiheit und Selbstverwirklichung wird in dieser Lebensphase lauter. Denn nicht nur die äußeren Umstände verändern sich – auch das eigene Selbstverständnis braucht ein Update. Und genau dann tauchen diese Fragen auf: Wer bin ich jetzt? Und wie will ich eigentlich leben?

Im Midlife Review stellen sie sich folgende Fragen: Was ist bisher passiert? Wie möchte ich weitermachen? Was tue ich für mich – und was für andere? Welche Träume habe ich jahrelang verdrängt, weil sie in meinem Leben keinen Platz hatten?

Wie findet eine Frau heraus, was sie wirklich will – jenseits der Unzufriedenheit und des Wissens, was sie nicht mehr möchte?

Diese Suche nach dem Neuen ist faszinierend. Viele Frauen erzählen, dass ihnen „zufällig“ genau das begegnet, was sie weiterbringt – ein inspirierendes Buch, ein Gespräch, eine neue Möglichkeit. Doch das ist selten Zufall. Ihr inneres System ist bereits darauf ausgerichtet, Neues wahrzunehmen. Sie öffnen ihren Vorstellungsraum, lassen sich inspirieren, entdecken sich selbst neu. Oft tauchen plötzlich alte, lange unterdrückte Wünsche und Sehnsüchte wieder auf: Als ich Anfang 20 war, wollte ich doch eigentlich...

Und dann wächst die Dringlichkeit: Wenn nicht jetzt, wann dann? Besonders beruflich spüren viele Frauen diese Grenze – das traditionelle Bild, dass mit Mitte 60 das Arbeitsleben endet, verstärkt das Gefühl: Es ist Zeit, noch einmal etwas zu wagen.

Diese innere Bewegung wird oft durch Gespräche mit Gleichgesinnten verstärkt, durch den Austausch mit Menschen, die ähnliche Fragen haben. Und natürlich auch durch therapeutische Erfahrungen – denn wenn sich die eigene Identität verändert, verändern sich oft auch Beziehungen. Es geht also nicht nur um äußere Veränderungen, sondern auch um eine tiefere Frage: Wer bin ich jetzt – und wer will ich noch werden?

Diese Phase geht oft mit einem tiefen Identitätswandel einher. Viele Frauen erleben es als eine grundlegende Neubewertung ihrer Rolle: Wenn ich nicht mehr die Kümmernde bin, wenn ich nicht mehr die junge, begehrenswerte 35-Jährige bin – wer bin ich dann? In einer Gesellschaft, die Fruchtbarkeit und Jugend oft als Maßstab für Wert und Attraktivität setzt, entsteht hier eine innere Dringlichkeit, eine Notwendigkeit, sich neu zu definieren.

Und genau das spüren viele Frauen als Sehnsucht: die Suche nach neuen Antworten. Es geht darum, alte Anteile zu integrieren, innere Hindernisse zu erkennen – falsche Überzeugungen, tief verankerte Glaubenssätze, biografische Rollen, die einem zugeschrieben wurden. Oft entwickelt sich daraus eine fast rebellische Kraft: Warte mal – ich bestimme meinen Lebenssinn selbst, unabhängig von den Erwartungen anderer!

Diese Zeit der Veränderung fällt oft mit anderen tiefgreifenden Einschnitten zusammen – die Eltern sterben, das soziale Gefüge wandelt sich, das gesamte System gerät in Bewegung. Und meist beginnt dieser Prozess mit einer entscheidenden Frage:

Welche Werte treiben eigentlich mein Leben – und welche will ich wirklich leben? Welche ungeliebten Persönlichkeitsanteile nerven mich inzwischen so sehr, dass ich sie endlich loswerden will?
Welche Glaubenssätze will ich hinterfragen?

Diese Phase ist oft auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit und Produktivität. Körperliche Fitness und Gesundheit haben einen enormen Einfluss auf das Selbstwertgefühl – und das wiederum wirkt sich auf andere Lebensbereiche aus, insbesondere auf den Beruf.

Wie kann ich das angehen?

Selbstreflexion ist kein gelerntes Prinzip. Niemand bringt uns bei, wie wir bewusst über uns selbst nachdenken, unsere Werte hinterfragen oder neue Wege finden. Doch es gibt Werkzeuge, die jede Frau nutzen kann.

1. Journaling – sich selbst auf die Spur kommen

Ein strukturierter Schreibprozess hilft enorm. Stell dir Fragen, die deine Kreativität und dein Explorationsbedürfnis anregen:

  • Was würde ich tun, wenn Angst, die Meinung anderer oder Geld keine Rolle spielen würden?

  • Wie war ich als Kind, bevor äußere Erwartungen mich geprägt haben? Womit habe ich mich gerne beschäftigt? Welche Träume hatte ich – und welche habe ich realisiert?

  • Welche Lebensbereiche sind erfüllt? Wo gibt es ungelebte Sehnsüchte?

Gerade dieses „ungelebte Leben“ ist oft eine starke Triebfeder in der Lebensmitte – eine Sehnsucht, sich noch einmal neu zu entdecken.

2. Freunde als Spiegel nutzen

Häufig sind enge Freundinnen die besten Coaches. Eine einfache, aber wirkungsvolle Frage ist: Was glaubst du, müsste ich tun, um glücklicher und erfolgreicher zu sein?
Diese Gespräche liefern oft überraschende Einsichten – und wertvolle Inspiration.

3. Eine neue Beziehung zu sich selbst aufbauen

Durch Journaling und bewusste Reflexion schärfst du deine intuitive Kraft. Du wirst schneller spüren, was wirklich mit dir resoniert – und was nicht. So wird es leichter, Klarheit über den eigenen Weg zu gewinnen.

Denn am Ende geht es darum, sich selbst wieder näherzukommen – und das eigene Leben bewusst zu gestalten.

Wie kann Coaching da helfen?

Es kann wirklich helfen, sich Unterstützung zu holen – sei es durch Coaching oder eine Therapie. Ein strukturierter Prozess kann helfen, Klarheit zu gewinnen und gezielt das „zukünftige Ich“ anzusteuern.

Gerade in dieser Phase liegt eine enorme Freiheit: Wenn ich nicht mehr um jeden Preis gefallen muss, wenn ich beruflich gefestigt bin und meine Stärken kenne, dann eröffnet sich neuer Raum – für Veränderung, für Abgrenzung, für mutige Entscheidungen.

1. Stärken erkennen – eine ungewohnte, aber kraftvolle Übung

Viele Frauen tun sich schwer damit, 50 persönliche Stärken aufzuschreiben. Sie wissen sofort, was sie an sich nicht mögen – aber Lob für sich selbst? Das fällt schwer. Doch genau hier liegt der Schlüssel:
- Sich bewusst machen, welche Fähigkeiten, Eigenschaften und Talente das eigene Leben geprägt haben.
- Sich trauen, diese Stärken anzunehmen – und sie gezielt beruflich oder privat einzusetzen.

2. Lebenslinie zeichnen – die authentischsten Momente erkennen

Eine wunderbare Übung ist die „Lebenslinie“ – eine Art Biografie-Mindmap:
1) Zeichne einen Zeitstrahl und markiere Höhen und Tiefen. Wann ging es dir besonders gut? Wann nicht?
2) Frag dich im nächsten Schritt: Wann war ich wirklich authentisch? Denn authentisch zu sein bedeutet nicht immer, glücklich zu sein – sondern echt.
3) Analysiere die Muster: Welche Menschen waren damals wichtig? Welche Themen haben mich erfüllt? Welche Umstände haben mir Kraft gegeben?

Hier liegen oft wertvolle Hinweise darauf, was auch in Zukunft Sinn und Erfüllung bringt.

Diese Reflexion schafft nicht nur Klarheit, sondern gibt auch den Mut, alte Rollen loszulassen und neue Wege zu gehen.

Wo tun sich Frauen schwerer: Bei der Entdeckung neuer Stärken oder bei der Umsetzung?

Genau, das ist spannend: Bei der beruflichen Neuorientierung in den Wechseljahren geht es nicht nur um „Worauf habe ich Lust?“ sondern auch „Was kann ich?“ und „Was kann ich gut genug, um wettbewerbsfähig zu bleiben?“. Wenn du zum Beispiel gerne malst, aber keine Karriere damit anstrebst, bleibt es vielleicht besser im Hobbybereich. Viel wichtiger ist die Frage: Was passt nicht mehr zu mir? Welche Aufgaben, Arbeitsweisen oder Beziehungen tun mir nicht mehr gut?

Ein wichtiger Punkt ist auch das Energiemanagement: Was gibt mir Energie, was nimmt sie? Viele Frauen berichten von mentaler Überlastung durch ständige Eindrücke. Auch die Einstellung zur Arbeit beeinflusst das eigene Glück und die Energie. Es geht nicht immer darum, alles hinzuschmeißen, sondern eher, herauszufinden, was sich privat stark im Vordergrund drängt und was in den Job integriert werden könnte.

Wenn du zum Beispiel gerne malst, geht es oft weniger ums Malen an sich, sondern um die dahinterliegenden Bedürfnisse: Kreativität, Freiheit, Meditation. Diese Bedürfnisse zu erkennen und zu verstehen, kann helfen, den Job entsprechend anzupassen – auch ohne radikale Veränderungen wie eine Kündigung.

Wie können Frauen ihre Einstellung ändern und welche Herangehensweise ist dafür hilfreich?

Es ist ganz normal, dass nach dem Eingeständnis, dass man auch wütend sein darf und Dinge nicht gut findet, eine ganze Kaskade von Unzufriedenheit hochkommt. Doch manchmal kann das in eine Meckerschleife führen, in der man das Umfeld beschuldigt oder sich in Opferdenken verliert. Das Problem dabei ist, dass Negativität sich verstärkt – je mehr du dich auf das konzentrierst, was nicht funktioniert, desto mehr bestärkst du diese Wahrnehmung. Und oft wollen wir uns selbst auch in unserer Unzufriedenheit bestätigen.

Ein Beispiel: Wenn du denkst, „die Generation Z ist faul“ und das immer wieder äußert, wirst du im Arbeitsalltag automatisch nur das wahrnehmen, was diese Meinung bestätigt, auch wenn es nur eine verzerrte Sichtweise ist. Die Lösung ist, sich bewusst zu fragen: Welche Einstellungen tun mir gut und fördern positive Gefühle? Welche führen mich in eine emotionale Sackgasse? Eine einfache Übung ist, den Satz umzudrehen: Wenn du denkst „ich kann nicht, weil…“ frag dich: „Was lasse ich zu, dass mich daran hindert?“ Dadurch kommst du automatisch in einen gestaltenden Fokus und in die Verantwortung für dein eigenes Wohlgefühl.
Assoziationsübungen können sehr hilfreich sein, um tiefere Einsichten in die eigenen Glaubenssätze und inneren Einstellungen zu bekommen. Du schreibst Satzanfänge wie „Das Leben ist...“, „Menschen sind...“, „Mein Job ist...“ und antwortest ganz intuitiv darauf. Dadurch kommen unbewusste Gedanken und Überzeugungen ans Licht, die man dann überprüfen und gegebenenfalls verändern kann. Wichtig ist, dass man diese Glaubenssätze nicht einfach umkehrt – das geht nicht, wenn man sich nicht wirklich mit ihnen auseinandersetzt. Es geht vielmehr darum, alternative, hilfreiche und wirksame Gedanken zu finden, wie etwa: „Jeden Tag lerne ich mehr über die neue Generation und gehe in einen offenen Austausch mit ihr.“

In dieser Lebensphase, in der man mehr Zeit hat, weil die Kinder aus dem Haus sind oder man sich von bestimmten Dingen distanziert, kann es auch der richtige Moment sein, neue Freizeitaktivitäten zu entdecken – vielleicht einen Malkurs zu besuchen oder sich sozial zu engagieren.

Beruflich gesehen kann diese Zeit sogar der Moment sein, in dem Frauen richtig durchstarten wollen. Viele nutzen die neu gewonnene Freiheit und Kapazität, um sich weiterzubilden, neue Verantwortung zu übernehmen oder in eine andere Funktion zu wechseln. Es ist eine Phase, in der Frauen kreativer und selbstbestimmter werden und viele sich trauen, neue Wege zu gehen – etwas, das oft im Kontext der Wechseljahre eher als Abschied gesehen wird. Dabei ist diese Phase auch eine Zeit des Neuanfangs, des Wachstums und der Entfaltung von Potenzialen. Es gibt so viele positive Perspektiven, die mit dieser Lebensphase verbunden sind, wie mehr Unabhängigkeit, Kreativität und die Chance, für jüngere Frauen ein Vorbild zu sein.

Was kann man Frauen mit auf den Weg geben, um von negativen Symptomen wegzukommen und sich bewusst auf das Positive zu fokussieren?

In Veränderungsphasen geht es oft darum, eine Balance zwischen der Angst und der Befreiung zu finden. Eine bewusste Einstellungsänderung kann dabei helfen, den Fokus zu verschieben. Ich lade Frauen in Workshops oder Beratung dazu ein, sich zu fragen: „Was gewinne ich in dieser Zeit?“ Diese Frage wirkt oft wie ein Wendepunkt, weil die Negativschleifen, die sich oft im Inneren drehen, durchbrochen werden. Gesellschaftlich ist der Blick auf die Wechseljahre oft von einem negativen, oberflächlichen Bild geprägt, was zu viel Druck führt, immer jung zu bleiben und sich ständig mit anderen zu vergleichen.

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist es, Frauen dabei zu unterstützen, diese Freiheit als Stärke zu erkennen und zu nutzen. Oft frage ich: „Was fandest du an Frauen Mitte 50 als 30-Jährige toll?“ Die Antworten beinhalten meist Aspekte wie Gelassenheit, Lebenserfahrung und die Fähigkeit, sich nicht mehr so über Kleinigkeiten aufzuregen. Ein Perspektivwechsel kann helfen, die Wechseljahre als eine Quelle positiver Kraft zu sehen, statt als eine Phase des Verlusts.

Was jedoch unbestreitbar ist, ist die neue Freiheit, die viele Frauen in dieser Phase gewinnen. Sie werden unabhängiger vom Urteil anderer, was eine enorme Kraftquelle darstellen kann. Besonders im beruflichen Kontext bringt diese Freiheit eine neue Perspektive, bei der die Anforderungen und Erwartungen weniger von äußeren Urteilen geprägt sind.

Ragnhild Struss

Ist das ein weibliches Thema? Wie nehmen Männern das wahr?

Viele Männer in der Beratung haben Schwierigkeiten mit dem Gefühl, nicht mehr so jung und fit zu sein. Ihnen wird bewusst, dass die Endlichkeit des Lebens näher rückt. Dabei geht es weniger um Fremdbestimmung und das Erfüllen von Erwartungen, sondern eher um die Befürchtung, nicht mehr so angesehen oder kraftvoll zu wirken. Sie sehnen sich nach Jugendlichkeit, Abenteuer und einer gewissen Freiheit, klagen häufig über Langeweile und das Gefühl, dass das Leben in vorhersehbaren Bahnen verläuft. Ihr Bedürfnis dreht sich mehr um Lustgewinnung und das Vermeiden von Unlust.

Bei Frauen hingegen, besonders in den Wechseljahren, ist es häufig das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit, das in den letzten Jahren stark bedient wurde. In dieser neuen Phase kommt nun stärker der Wunsch nach mehr Autonomie zum Tragen. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse spiegeln sich in den Lebensphasen von Männern und Frauen wider, was auch auf die verschiedenen Lebenswege zurückzuführen ist, die sie zuvor eingeschlagen haben.

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Unzufriedenheit im Job ist weit verbreitet ist und resultiert häufig aus einer mangelnden Passung zwischen Job und Person. Jobwechsel bringen daher selten die gewünschte Veränderung bringen – stattdessen bietet die Methode des Job Crafting eine praxisnahe Anleitung, wie man durch individuelle Anpassung der Arbeit auf Basis der eigenen Persönlichkeit mehr Zufriedenheit, Motivation und Sinn findet.

Warum machen Männer in diesem Alter oft weniger Veränderungen als Frauen, die sich beruflich neu orientieren?

Ja, genau. Das bedeutet nicht unbedingt, dass Männer am Anfang die "richtigen" Entscheidungen getroffen haben. Es könnte auch darauf hinweisen, dass ihre Veränderungsnotwendigkeit nicht so stark ist, weil ihre Identität weniger emotional an bestimmte berufliche Positionen oder Rollen gebunden ist. Es gibt einfach weniger gesellschaftliche Erwartungen oder weniger äußere Validierung, die von ihren Berufsentscheidungen abhängt.

Interessant wird es, wenn Frauen in einer Phase wie den Wechseljahren plötzlich den Mut finden, den beruflichen Weg zu ändern, wie die Frau, die sich für einen Campingplatz mit Investoren interessiert. Wenn sie dies ihren Freundinnen erzählt, wird sie oft auf Interesse stoßen, anstatt auf Ablehnung. Das könnte ein Beispiel für eine größere Freiheit sein, auch neue berufliche Wege zu gehen.

Bei Männern ist das oft anders. Ein erfolgreicher Anwalt, der sich plötzlich für Mediation entscheidet, könnte damit in seinem Umfeld eher auf Unverständnis stoßen. Berufliche Veränderungen sind bei Männern häufig stärker mit ihrem Selbstverständnis verknüpft, was es schwieriger macht, solche Veränderungen auch in einem sozialen Kontext zu kommunizieren, ohne mit Fragen oder Vorurteilen konfrontiert zu werden.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Männer und Frauen in Veränderungsprozessen zwar ähnliche Sehnsüchte und Ängste erleben können, aber die äußeren Faktoren und die damit verbundene soziale Wahrnehmung eine unterschiedliche Rolle spielen.

Was überrascht dich am meisten in deinen Gesprächen mit Frauen in den Wechseljahren?

Das Niveau der Anpassung.

Es ist wirklich faszinierend, wie tief die Angst vor dem Urteil anderer bei vielen Menschen verwurzelt ist, besonders bei Frauen. Diese gesellschaftlichen Normen, die ständig eine perfekte Außendarstellung fordern, machen es schwer, sich wirklich zu befreien und das eigene Potenzial voll auszuschöpfen.

Dann die Diskrepanz – zwischen dem, was Frauen tatsächlich leisten können, und dem, wie sie sich in der Öffentlichkeit oft zurückhalten. Es ist die Angst vor Ablehnung und dem Verlust von sozialer Zugehörigkeit, die die meisten dazu bringt, sich anzupassen und zurückzustecken, obwohl sie eigentlich viel mehr leisten könnten. Frauen sind häufig noch in alten, überholten Rollenbildern gefangen. Es ist fast so, als ob der gesellschaftliche Perfektionismus so stark verinnerlicht wurde, dass er einen lähmt und daran hindert, die eigene Kraft wirklich zu leben. Es ist eine echte Herausforderung, sich von dieser Denkweise zu befreien, besonders wenn man schon so lange damit aufgewachsen ist.

Ist das Hauptproblem wirklich die Angst vor Feedback oder wissen sie einfach nicht, wie sie es angehen sollen?

Ich glaube, das hängt auch stark mit der Sozialisation und Erziehung zusammen – es ist letztlich eine Frage der inneren Erlaubnis. Da sind tief verwurzelte Programme, die uns immer wieder sagen: „Du musst lieb und gefällig sein“ oder „Der, der das Geld verdient, der bestimmt die Richtung.“ Solche archaischen, überholten Bilder wirken immer noch und prägen unser Verhalten. Und was oft zu kurz kommt, ist das Thema Selbstwert. Es geht darum, sich selbst zu erlauben, zu sagen: „So wie ich bin, bin ich okay, und ob es anderen passt oder nicht, ist nur bedingt mein Problem.“

Frauen nehmen viel zu viel Feedback an, das sie sich gar nicht anhören müssten, weil oft die Personen, die das Feedback geben, weder wirklich kompetent noch wohlgesonnen sind. Es fehlt oft die Fähigkeit zur Abgrenzung – einfach mal zu sagen: „Stopp, das will ich nicht!“. Stattdessen wird die Angst, nicht mehr anerkannt zu werden, häufig über das eigene Wohlbefinden gestellt.

Ragnhild Struss

Diese unvorstellbaren Talente, Stärken und Fähigkeiten, die Frauen besitzen – sie wieder zu entdecken und zu erleben, wie viel Power wirklich in ihnen steckt, ist ein riesiger Teil unserer Arbeit. Wir begleiten Frauen dabei, sich selbst neu zu begegnen, ihren Selbstwert zu spüren und zu verstehen, dass sie ihr Umfeld aktiv gestalten können. Sie sollen erkennen, dass sie Ansprüche stellen dürfen, sich abgrenzen dürfen und vor allem, dass sie mit alten, veralteten Klischeebildern aufräumen müssen, besonders im Hinblick darauf, wie Frauen in den Wechseljahren wahrgenommen werden. Denn die wahre Kraft, die Frauen in dieser Lebensphase haben, ist überwältigend – und zwar nicht nur intellektuell und mental, sondern auch emotional und auf der Ebene der sozialen Kompetenzen.

Warum fällt es vielen Frauen so schwer, sich von der ständigen Sorge, beliebt zu sein, zu befreien und einfach ihre Gefühle und Grenzen klar und ohne Entschuldigung zu äußern?

Diese Haltung, immer möglichst beliebt sein zu wollen, ist wirklich ein faszinierendes Phänomen. Es ist unglaublich, wie sehr viele Frauen darin gefangen sind, sich ständig zu rechtfertigen oder sich zu erklären. Wenn wir dann gemeinsam daran arbeiten, einfach mal zu sagen: „Ja, mach dich doch mal unbeliebt“, dann öffnen sich neue Perspektiven.

Stell dir vor, jemand sagt: „Ach, du bist so zickig.“ Warum nicht einfach sagen: „Ja, das stimmt, das bin ich auch. Und noch tausend andere Dinge, aber das ändert nichts daran, dass ich mit dem, was hier gerade passiert, nicht einverstanden bin.“

Warum nicht einfach mal ehrlich sein, ohne sich zu entschuldigen? Denn Frauen neigen ja oft dazu, sich zu entschuldigen und alles zu begründen. Es ist fast schon ein Reflex. Aber was passiert, wenn man sich das zugesteht und einfach mal sagt: „Ja, ich bin emotional gerade aufgewühlt. Und was bedeutet das jetzt?“

Es geht darum, die eigenen Gefühle nicht immer zu entschuldigen, sondern sie anzuerkennen und in die Handlung zu bringen. Es ist ein unglaublich befreiender Moment, einfach zu sagen: „Ja, ich bin so. Und jetzt machen wir trotzdem weiter.“

Es geht nicht um Ignoranz oder Unverschämtheit, sondern vielmehr um ein klares Setzen von eigenen Grenzen und Erwartungen. Im Grunde genommen ein neues Erwartungsmanagement: „Es ist in Ordnung, wenn ich nicht jedem gefalle. Wir werden dieses Meeting trotzdem so gestalten, wie es notwendig ist, und wenn jemand deswegen mit mir nicht mehr zufrieden ist – so be it!“

Warum nicht einfach mal ehrlich sein, ohne sich zu entschuldigen? Denn Frauen neigen ja oft dazu, sich zu entschuldigen und alles zu begründen. Es ist fast schon ein Reflex.

Ragnhild Struss
Ragnhild Struss

Wie können Frauen in den Wechseljahren ihre innere Energie nutzen, um Veränderung und persönliches Wachstum zu fördern?

Absolut, das ist so ein kraftvoller Prozess, besonders in den Wechseljahren, wenn es um Schattenintegration geht. Dieser psychologische Mechanismus ist wirklich spannend, weil er uns die Möglichkeit gibt, uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir uns über etwas richtig aufregen oder wenn uns etwas an anderen Menschen stört, ist das oft ein Hinweis darauf, dass wir mit einem Teil von uns selbst noch nicht im Reinen sind – sei es, weil wir Eigenschaften ablehnen, die wir in uns selbst haben, oder weil wir neidisch sind, weil wir etwas nicht besitzen, was wir uns wünschen. Diese Reaktionen sind eine Einladung, genauer hinzusehen und zu hinterfragen, was sie uns über uns selbst verraten.

Es ist eine Gelegenheit zur inneren Transformation, besonders in einer Lebensphase wie den Wechseljahren, die mit vielen Veränderungen einhergeht. In dieser Zeit geht es oft darum, Dinge loszulassen, die uns früher vielleicht definiert haben – wie die Rolle als Tochter, Ehefrau oder das brave angepasste Mädchen. Und das ist der Moment, in dem dieser Schatten, der verdrängte Teil von uns, sichtbar wird. Die Energie, die in uns war, aber oft nicht zum Ausdruck kam, ist nun da und will gesehen und integriert werden. Diese innere Kraft, die uns vielleicht früher zu wild oder unpassend erschien, möchte jetzt Raum bekommen.

Es geht nicht darum, alles zu zerstören oder zu wüten, sondern darum, diese innere Energie sinnvoll und konstruktiv zu nutzen. Wenn sich Frust oder Wut zeigen, dann können sie auch als treibende Kraft für Veränderung dienen – sei es, um auf Missstände aufmerksam zu machen, andere zu ermutigen oder sich selbst neu zu erfinden. In den Wechseljahren können Frauen diese ungenutzte Energie als Katalysator für neue Projekte und Möglichkeiten umwandeln. Es ist eine Zeit, sich zu befreien, die eigene Stärke zu entdecken und sich eine neue Form von Selbstwirksamkeit zu erarbeiten.

Diese Integration des „Schatten“ kann unglaublich befreiend sein und einen neuen Raum für Wachstum schaffen. Sie macht uns vollständiger, mutiger und, ja, vielleicht auch ein bisschen freier, die Dinge auf unsere Weise zu gestalten.

Vielen Dank Ragnhild für das inspirierende Gespräch!

Zusammenfassung:

In diesem Interview spricht die Expertin Ragnhild Struss über die Wechseljahre als eine Zeit der Transformation und Selbstentdeckung für Frauen. Sie betont, dass diese Lebensphase eine Chance bietet, alte Rollen und Erwartungen loszulassen und die eigene Authentizität neu zu entdecken. Struss ermutigt Frauen, ihre innere Kraft zu nutzen, um persönliches Wachstum zu fördern und sich sowohl privat als auch beruflich neu zu orientieren.