Herzgesund durch die Wechseljahre – Dr. Catharina Hamm über Risiken, Prävention und Hormontherapie
Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im März 2025
Foto: Sabina Radtke
Dr. med. Catharina Hamm ist Oberärztin an einem renommierten Herzzentrum und seit über 15 Jahren als Kardiologin und Notfallmedizinerin tätig. Ihr Fachgebiet umfasst die Gendermedizin, insbesondere die Wechseljahre, sowie die Sportkardiologie und interventionelle Kardiologie.
Welche Auswirkungen haben die hormonellen Veränderungen in den Wechseljahren auf das Herz-Kreislauf-System?
Wichtig zu wissen ist, dass Östrogen eine entscheidende Rolle für die Herzgesundheit von Frauen spielt – nicht nur im Hinblick auf die Fortpflanzung, sondern auch für den Schutz und die Funktion der Blutgefäße. Es fördert die Produktion von Stickstoffmonoxid, das die Gefäße erweitert und Ablagerungen verhindert. Sinkt der Östrogenspiegel in den Wechseljahren, verlieren die Gefäße an Elastizität, was unter anderem das Risiko für Bluthochdruck erhöht.
Zudem beeinflusst Östrogen den Cholesterinstoffwechsel: Fehlt es, werden weniger Rezeptoren zur Cholesterinaufnahme in der Leber gebildet, wodurch die Cholesterinwerte steigen. Auch der Blutzuckerstoffwechsel leidet, da Östrogen die Insulinproduktion unterstützt. Dadurch steigt das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach den Wechseljahren deutlich an.
Was ist mit den anderen Sexualhormonen - Progesteron und Testosteron? Die sinken ja auch in den Wechseljahren.
Progesteron ist weniger erforscht als Östrogen, wirkt aber als Cofaktor und hat gefäßerweiternde, blutdrucksenkende sowie entspannende Effekte. Allerdings fehlen klare Studien, die eine direkte blutdrucksenkende Wirkung belegen.
Testosteron hingegen fördert Entzündungen und begünstigt Arteriosklerose, während Östrogen entzündungshemmend wirkt. Entscheidend ist das Gleichgewicht zwischen beiden Hormonen, da ein Überschuss an Testosteron, aber auch ein Mangel an Testosteron die Gefäßgesundheit negativ beeinflussen kann.
Bei vorzeitigen Wechseljahren sinkt das Östrogenlevel früher. Bedeutet es, dass es das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht?
Frauen mit vorzeitiger Menopause (vor 40) oder früher Menopause (vor 45) haben ein 30–40 % höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da sie weniger Zeit vom gefäßschützenden Östrogen profitieren. Daher wird ihnen auch eine Hormontherapie bis zum normalen Menopausenalter empfohlen – eine Maßnahme, die durch Studien belegt ist, sofern keine Kontraindikationen vorliegen.
Verschreibst Du als Kardiologin auch Hormonersatztherapie?
Ich selbst verschreibe keine Hormontherapie, sondern werde meist in die Entscheidung eingebunden, wenn Frauen sie wünschen, aber bereits Risikofaktoren oder Gefäßablagerungen haben. Dann beurteile ich, ob ihr Herz-Kreislauf-System stabil genug ist. Oft empfehle ich Frauen mit unspezifischen Beschwerden, das Thema mit ihrer Gynäkologin oder ihrem Gynäkologen zu besprechen – ob eine Hormontherapie hilfreich sein könnte. Aber als Kardiologin verschreibe ich sie in der Regel nicht selbst.
Welche kardiologischen Risikofaktoren sprechen gegen eine Hormonersatztherapie?
Ein schlecht eingestellter Bluthochdruck ist ein klares Ausschlusskriterium, da er das Schlaganfallrisiko stark erhöht – und Östrogene könnten dieses Risiko weiter steigern.
Auch fortgeschrittene Gefäßablagerungen, etwa in der Halsschlagader oder den Herzkranzgefäßen (sichtbar im CT), sprechen gegen eine Hormonersatztherapie. Zudem sollten Frauen, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, diese Therapie in der Regel meiden. Dennoch sind individuelle Entscheidungen möglich, abhängig von den Wechseljahrsbeschwerden der Patientin.
Du hast bereits diffuse Beschwerden erwähnt – welche typischen Wechseljahrsbeschwerden werden denn häufig mit ernsthaften Herzerkrankungen verwechselt?
Typische Verwechslungen gibt es vor allem bei Hitzewallungen und Herzstolpern. Oft steckt dahinter ein unerkannter Bluthochdruck, der nicht behandelt wurde. Besonders Herzstolpern betrifft viele Frauen – gefühlt fast jede, mit der man spricht. Diese Symptome sind die häufigsten, die mit ernsthaften Herzerkrankungen verwechselt werden.
Mit zunehmendem Alter steigt auch das Risiko für Vorhofflimmern – die häufigste Herzrhythmusstörung, bei der der Puls unregelmäßig schlägt. Dieses kann sich hinter Herzstolpern oder plötzlichem Herzrasen verbergen und sollte daher ausgeschlossen werden.
Allerdings findet man bei den meisten Frauen keine klare Ursache. Die Symptome sind oft diffus, was die Abgrenzung zwischen harmlosen Beschwerden und ernsthaften Herzproblemen nicht immer einfach macht.
Wie kann man das abklären lassen?
Wichtig ist immer ein EKG, gerne auch ein 24h EKG bei dem das Herzstolpern richtig dokumentiert werden konnte, alternativ sind auch Smartwatches hilfreich. Des Weiteren gehört auch ein Herzultraschall dazu und im Zweifel sogar ein MRT des Herzens.
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"Würden alle Frauen täglich soviel Zeit in Herzpflege, also Bewegung, gesunde Ernährung, Stressbewältigung stecken wie in ihre Hautpflege, hätten wir deutlich weniger Gesundheitsprobleme.” Erschienen 2024 im dtv Verlag broschiert.
Wie kann ich Ablagerungen am Herzen ausschließen, wenn ich schon mehrere Herzrisiken habe und eine Hormonersatztherapie beginnen möchte?
Eine genauere Methode ist die CT-Angiographie, bei der die Herzkranzgefäße mit Hilfe von Kontrastmittel dargestellt werden. Sie ist zwar teurer als der Halsschlagader-Ultraschall, aber mittlerweile glücklicherweise eine Kassenleistung. Besonders bei Patientinnen mit mehreren Risikofaktoren finde ich diese Untersuchung sinnvoll, um zu entscheiden, ob eine Hormonersatztherapie fortgesetzt oder begonnen werden kann – denn wo keine Ablagerungen sind, droht auch kein Infarkt.
Bei Herzinfarkten gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Was sind weitere, weniger bekannte Unterschiede in den kardiovaskulären Risikofaktoren?
Richtig, Herzinfarkte werden bei Frauen häufiger übersehen oder fehldiagnostiziert, Männer dagegen sind vermehrt betroffen. Ein oft übersehener Risikofaktor für Frauen sind Schwangerschaftserkrankungen wie Bluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes. Diese Frauen stehen Jahre später – oft zwischen 45 und 65 – mit ernsthaften Herzerkrankungen in der Klinik. Und dann stellt sich heraus: Schon mit 25 hatten sie Schwangerschaftsdiabetes oder mit 30 Bluthochdruck in der Schwangerschaft, doch niemand hat sie danach engmaschig überwacht. Sie sind einfach durchs Raster gefallen.
Es gibt keine strukturierte Nachsorge, und genau das ist das Problem. Zwar normalisieren sich Bluthochdruck und Diabetes nach der Geburt häufig, aber das Risiko bleibt – und das ein Leben lang. Diese Frauen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkte, Schlaganfälle und frühzeitige Ablagerungen an den Herzkranzgefäßen. Doch oft wissen sie das nicht. Und wir sehen sie sehr häufig erst, wenn es zu spät ist.
Die Gynäkologen sollten hier eine entscheidende Rolle spielen und frühzeitig an Internisten überweisen. Viele tun das – aber eben nicht alle. Und so rutschen immer wieder Frauen durch. Besonders dramatisch ist es bei Schwangerschaftsvergiftungen: Gefühlt jede zweite Frau entwickelt später Herzprobleme. Das zeigt, dass mit ihrem Gefäßsystem schon damals etwas nicht gestimmt hat.
Und als wäre das nicht genug, gibt es noch einen weiteren Faktor, der oft übersehen wird: Brustkrebs. Auch die Behandlung von Brustkrebs bringt Risiken mit sich – und betrifft vor allem Frauen. Viele von ihnen werden durch die Therapie verfrüht in die Menopause geschickt, was ihr Herz-Kreislauf-Risiko zusätzlich erhöht.
Besonders problematisch ist die Bestrahlung. Häufig ist die linke Brust betroffen, und das Herz liegt direkt im Strahlenfeld darunter. Die Auswirkungen sind nicht sofort sichtbar – erst nach 15 bis 20 Jahren zeigen sich oft kleine Vernarbungen, die die Herzgesundheit beeinträchtigen können. Auch Chemotherapien sind nicht harmlos. Einige von ihnen sind kardiotoxisch, also giftig für das Herz. Deshalb werden viele Patientinnen langfristig überwacht. Doch nicht alle – und genau da liegt das Risiko.
Foto: Sabina Radtke
Ein weiteres, oft unterschätztes Problem ist das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS), die häufigste Hormonstörung bei jungen Frauen. Betroffene haben ein erhöhtes Risiko für frühzeitige Herzerkrankungen – oft schon im mittleren Lebensalter. Umso wichtiger ist es, sie regelmäßig zu kontrollieren, Risikofaktoren zu screenen und frühzeitig gegenzusteuern.
Bei Herzerkrankungen gibt es deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Frauen erleiden zwar seltener den klassischen Herzinfarkt, sterben jedoch häufiger daran – weil er bei ihnen später erkannt wird.
Zudem gibt es einen speziell weiblichen Herzinfarkt: die spontane Koronardissektion (SCAD). Dabei reißt plötzlich ein Herzkranzgefäß ein, meist um das 50. Lebensjahr herum. Vermutlich spielen Hormonschwankungen eine Rolle, aber genau weiß man es noch nicht. Auffällig ist: Diese Frauen haben oft keinerlei typische Risikofaktoren – keinen Bluthochdruck, kein erhöhtes Cholesterin. Viele fragen sich: Habe ich etwas falsch gemacht? Die Antwort ist: Nein. SCAD tritt oft nach körperlicher Anstrengung auf – plötzlich blutet es ins Gefäß ein, drückt die eigentliche Blutbahn ab, und die betroffenen Frauen bekommen Herzinfarkt-ähnliche Symptome. Eine seltene, aber tückische Erkrankung.
Auch das Broken-Heart-Syndrom, das viele schon einmal gehört haben, betrifft fast ausschließlich Frauen – in 90 % der Fälle sind es postmenopausale Frauen. Es entsteht nach starken seelischen Belastungen oder psychischem Stress und zeigt, wie eng unser Herz mit unserer Psyche verbunden ist.
Können Sie nochmal das Broken Heart Syndrom erklären?
Das Broken-Heart-Syndrom ist eine durch akuten psychischen Stress ausgelöste, vorübergehende Herzschwäche. Klinisch sieht es zunächst aus wie ein klassischer Herzinfarkt: Die Betroffenen haben Brustschmerzen, Luftnot, und ihre Herzwerte sind erhöht. Alles deutet darauf hin, dass ein Herzkranzgefäß verstopft ist.
Doch dann zeigt sich im Herzultraschall ein ganz anderes Bild: eine charakteristische Verformung des Herzens, die an eine japanische Tintenfischfalle erinnert – daher der Name Takotsubo-Syndrom. Bestimmte Herzmuskelanteile sind vorübergehend gelähmt, die Herzspitze wölbt sich ballonartig nach außen, während der obere Teil sich weiter normal bewegt.
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen heilt das Herz innerhalb von sechs bis acht Wochen von selbst wieder aus. Medikamente unterstützen die Erholung, und nur selten kommt es zu schweren Komplikationen wie lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen.
Auffällig ist, dass fast immer ein emotionaler Auslöser vorausgeht. Fragt man die Patientinnen genauer, hört man oft: „Gestern war die Beerdigung meines besten Freundes.“ Oder: „Mein Mann ist gestorben.“ Oder: „Ich habe meinen Hund verloren.“ Starke emotionale Belastungen können also buchstäblich das Herz brechen.
Spannenderweise gibt es auch das Happy-Heart-Syndrom: In etwa 10 % der Fälle tritt die gleiche Herzreaktion nach freudigen Ereignissen auf – etwa nach einer Hochzeit oder der Geburt eines Enkelkindes.
Wir haben schon über Herzinfarkte gesprochen, aber was sind denn die Anzeichen, bei denen Frauen in die Klinik fahren sollen?
Wichtig ist zunächst, dass Frauen ihr persönliches Risiko für einen Herzinfarkt kennen. Eine 30-Jährige ohne Risikofaktoren, die regelmäßig Sport treibt, wird eher selten plötzlich einen Herzinfarkt erleiden. Deshalb sollte man nicht jedes Stechen oder Drücken in der Brust sofort als Herzinfarkt deuten.
Typische Anzeichen sind ein starkes Druckgefühl auf der Brust – viele beschreiben es, als würde ein Elefant darauf sitzen oder ein enger Gürtel zugeschnürt werden. Doch bei Frauen treten diese klassischen Brustschmerzen oft in den Hintergrund. Stattdessen haben sie häufig unspezifische Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Kieferschmerzen. Auch ein Ziehen in den linken Arm ist möglich.
Ein wichtiger Hinweis ist, wenn die Beschwerden erst gelegentlich auftraten, etwa bei Anstrengung, und jetzt dauerhaft anhalten. In diesem Fall – und vor allem, wenn man sich insgesamt schlecht fühlt – sollte man nicht abwarten, sondern sofort den Rettungsdienst rufen.
Welche Faktoren beeinflussen das persönliche Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Wechseljahren am stärksten? Und wie kann man präventiv entgegenwirken?
Wir können selbst viel für unser Herz tun – mit drei einfachen Säulen: einer herzgesunden Ernährung, ausreichend Bewegung und einem bewussten Umgang mit Stress. Stress an sich ist nicht immer schlecht – wir Menschen brauchen ihn sogar als Antrieb. Problematisch wird es jedoch, wenn er dauerhaft negativ ist. Gerade bei Frauen kann chronischer Stress Entzündungsprozesse im Körper verstärken und die Ablagerung in den Gefäßen fördern.
Ein einfacher, aber wirkungsvoller Stresskiller ist ein Spaziergang im Wald – Waldbaden tut dem Herzen nachweislich gut. Die frische Luft, die grünen Farben, die Ruhe – all das senkt den Stresslevel. Nicht jeder findet Entspannung in Meditation oder Achtsamkeitsübungen. Doch viele Menschen merken, dass sie durch einen bewussten Waldspaziergang ohne Ablenkung – ohne Handy, ohne Musik – ihre Gedanken ordnen und ihr Herz entlasten können.
Wir können selbst viel für unser Herz tun – mit drei einfachen Säulen: einer herzgesunden Ernährung, ausreichend Bewegung und einem bewussten Umgang mit Stress. Stress an sich ist nicht immer schlecht – wir Menschen brauchen ihn sogar als Antrieb. Problematisch wird es jedoch, wenn er dauerhaft negativ ist.
Welche Ernährungsfaktoren sind in den Wechseljahren besonders wichtig für die Herzgesundheit? Gibt es bestimmte Empfehlungen, die besonders effektiv sind – über den BMI hinaus?
Ein oft unterschätzter Faktor für die Herzgesundheit ist der Salzkonsum. Viele Menschen essen deutlich zu viel Salz – und gerade wir Kardiologen betonen, wie wichtig es ist, darauf zu achten. Eine gute Orientierung bietet die DASH-Diät (Dietary Approach to Stop Hypertension), eine Ernährungsweise, die sich an der mediterranen Küche orientiert, aber mit klaren Grenzen für Alkohol und Salz.
Besonders in den Wechseljahren werden Frauen empfindlicher gegenüber Salz. Sie neigen eher zu Bluthochdruck und lagern durch eine hohe Salzzufuhr zusätzlich Wasser ein – was den Blutdruck weiter steigen lässt. Studien zeigen, dass mindestens 60 % der Menschen mit Bluthochdruck stark von einer Salzreduktion profitieren. Auch der Einsatz von Kaliumsalz kann helfen: Ein höherer Kaliumspiegel verbessert nicht nur die Gefäßgesundheit, sondern kann auch die Wirkung von Blutdruckmedikamenten verstärken.
Natürlich gilt das nicht für alle: Wer viel Sport treibt und stark schwitzt, braucht Salz. Doch im Alltag lässt sich der Salzkonsum oft ganz einfach reduzieren – etwa indem man versteckte Salzquellen wie Sojasauce meidet oder statt herkömmlichem Salz ein Kaliumsalz zum Nachwürzen verwendet. Es gibt inzwischen sogar salzreduzierte Sojasauce. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, merkt schnell: Zu viel Salz ist gar nicht nötig, um Essen würzig und lecker zu gestalten.
Wie genau beeinflusst die emotionale Belastung in den Wechseljahren das Herz-Kreislauf-System? Welche Mechanismen spielen dabei eine Rolle?
Dauerhafter emotionaler Stress kann das Herz-Kreislauf-System erheblich belasten. Eine chronisch überaktive Stressachse führt zu einem Anstieg von Stresshormonen wie Cortisol. Diese wiederum erhöhen die Entzündungswerte im Körper, was die Einlagerung von Ablagerungen in den Blutgefäßen fördert – ein regelrechter Teufelskreis.
Ein dauerhaft erhöhter Stresshormonspiegel hat zudem direkte Auswirkungen auf den Blutdruck: Die Blutgefäße ziehen sich zusammen, der Blutdruck steigt, ebenso der Puls – eine zusätzliche Belastung für das Herz. Gleichzeitig beeinflussen die erhöhten Entzündungsmarker auch den Fett- und Zuckerstoffwechsel, wodurch das Risiko für Gefäßablagerungen weiter steigt.
Atherosklerose – die Verkalkung der Arterien – ist letztlich ein entzündlicher Prozess. Chronische Entzündungen beschleunigen diesen Vorgang erheblich. Deshalb haben beispielsweise Frauen mit rheumatischen oder Autoimmunerkrankungen, die häufiger bei Frauen auftreten, ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine gute Behandlung und entzündungshemmende Medikamente sind hier entscheidend, um das Risiko zu senken.
Foto: Sabina Radtke
Was sind die drei wichtigsten Maßnahmen, die eine Frau in den Wechseljahren für ihre Herzgesundheit ergreifen sollte?
Wenn sie noch keinen Sport machen? Mit Sport anfangen!
Viele Frauen denken, sie sollten es im Alter ruhiger angehen lassen – doch genau das Gegenteil ist der Fall. Gerade jetzt ist es wichtig, mit Sport zu beginnen oder das Training gezielt zu intensivieren. Hochintensives Intervalltraining (z. B. Sprint-Intervalle) ist besonders wirksam, weil es den Zucker aus den Blutgefäßen direkt in die Muskelzellen transportiert und so den Zuckerstoffwechsel enorm verbessert. Ein solches Training alle sieben bis zehn Tage kann für die Frauengesundheit ein echter Gamechanger sein – auch wenn es vielleicht nicht jedem gefällt.
Ebenso essentiell ist Krafttraining. Mehr Muskelmasse bedeutet weniger Ablagerungen an den Herzkranzgefäßen und einen besseren Stoffwechsel. Besonders ab 50 Jahren beginnt der natürliche Muskelabbau, daher ist es wichtig, gezielt dagegen zu steuern.
Oft heißt es, dass der Energieumsatz mit dem Alter sinkt. Das liegt aber vor allem am Muskelverlust – wer seine Muskulatur erhält, hat auch weiterhin einen aktiven Stoffwechsel.
Deshalb lohnt es sich, gezielt zu trainieren und den Körper mit einer ausgewogenen Ernährung optimal zu versorgen. So bleibt die Energie im Gleichgewicht, ohne unnötige Überschüsse anzusammeln.
Gibt es etwas, das Sie im Praxisalltag immer wieder überrascht?
Das Verhalten in den Wechseljahren ist sehr individuell – und das ist auch gut so. Es ist erfreulich, dass immer mehr Frauen heute besser über diese Phase Bescheid wissen, Symptome ernster nehmen und aktiv nach Unterstützung suchen. Viele beginnen, sich intensiver mit ihrem Körper auseinanderzusetzen, ihre Gesundheit zu überprüfen und zu überlegen, was sie für diese neue Lebensphase optimieren können.
Besonders spannend finde ich, dass eine Hormonersatztherapie (HRT) vielen Frauen tatsächlich spürbar hilft. Gerade wenn sie vorher unter diffusen Beschwerden wie Herzstolpern oder Herzrasen litten, berichten sie oft, dass es ihnen mit der Therapie deutlich besser geht. Als Kardiologe sehe ich natürlich vor allem die Frauen, die mit solchen Herzsymptomen zu mir kommen – mein Blick ist also selektiv. Dennoch fällt mir auf, dass viele von ihnen durch eine gezielte Behandlung eine echte Verbesserung erleben.
Haben Sie noch einen abschließenden Tipp für Frauen in den Wechseljahren?
Ein wichtiger Ratschlag für Frauen, die ihre Herzgesundheit fördern möchten, ist, regelmäßig einen Check-up machen zu lassen. Es reicht nicht aus, sich auf Werte aus der Vergangenheit zu verlassen – nur weil mit 35 alles in Ordnung war, heißt das nicht, dass es mit 50 oder Mitte 50 immer noch so ist.
Besonders in dieser Lebensphase ist es wichtig, einen vertrauenswürdigen Arzt zu suchen, der einen gut begleitet, Beschwerden ernst nimmt und individuell berät. Beim Check-up sollten auf jeden Fall Laborwerte wie Cholesterin, Blutzucker und der Langzeitblutzuckerwert bestimmt werden. Leider sind die Standarduntersuchungen oft nicht so umfassend, wie es wünschenswert wäre – aber sie sind ein wichtiger erster Schritt zur Vorsorge und frühzeitigen Erkennung von Risiken.
Wie lautet Ihr abschließender Wunsch im Hinblick auf das Thema Wechseljahre – sei es für die gesellschaftliche Wahrnehmung, die medizinische Forschung oder den Umgang damit?
Ich finde es großartig, dass das Thema heute so viel mehr Aufmerksamkeit bekommt und es völlig normal geworden ist, darüber zu sprechen. In meiner Familie wurde das früher kaum thematisiert – meine Mutter hat mit mir nie über ihre Wechseljahresbeschwerden gesprochen. Umso wertvoller ist es, dass wir heute in einer Generation leben, in der offener Austausch möglich ist. Das hilft vielen Frauen enorm, weil wir voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen können.
Natürlich gibt es noch viel zu tun. Ich wünsche mir insbesondere mehr systematische Studien zu modernen Hormonersatztherapien und deren Einfluss auf die Herzgesundheit. Bisher basieren viele Erkenntnisse auf alten Studien mit älteren Östrogenpräparaten. Mehr Forschung könnte hier Klarheit schaffen und offene Fragen zu Hormonen und Herzgesundheit besser beantworten.
Außerdem würde ich mir wünschen, dass es für alle Frauen einen „Menopausen-Herzcheck“ ab 50 Jahren als Kassenleistung gibt, ähnlich wie ein Burstkrebs-Screening. Ein systematisches Abchecken der Herzgesundheit der Frauen nach der Menopause, Suche nach Risikofaktoren, ein EKG und ein Herzultraschall. Ich bin mir sicher, damit könnten wir einige Herzerkrankungen verhindern!!
Vielen Dank für das interessante Interview!
Zusammenfassung:
Dr. med. Catharina Hamm erklärt, dass der sinkende Östrogenspiegel in den Wechseljahren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, da Östrogen gefäßschützend wirkt. Progesteron und Testosteron spielen ebenfalls eine Rolle, wobei ein Ungleichgewicht die Gefäßgesundheit beeinträchtigen kann. Frauen mit vorzeitiger Menopause haben ein deutlich erhöhtes Risiko, weshalb oft eine Hormonersatztherapie empfohlen wird – allerdings nicht bei bestehenden Gefäßablagerungen oder hohem Bluthochdruck. Zur Prävention rät sie zu regelmäßiger Bewegung, salzarmer Ernährung und Stressmanagement, da chronischer Stress Entzündungen fördert und das Herz belasten kann.